Wohlbefinden & Generative KI: Menschliche Arbeit im Wandel

10. März 2026

Seit dem Aufkommen generativer KI begegnet sie uns mal ganz offensichtlich, mal nahezu unbemerkt sowohl im Arbeitsalltag als auch im sozialen Leben. Ob bei der Überarbeitung von E-Mails, der Vorbereitung von Meetings oder in personalisierten Lernprozessen: Generative KI ist inzwischen in vielen Situationen im alltäglichen Leben präsent. Sie greift zunehmend sogar in unsere Denkprozesse ein, da sie nicht nur bei der Durchführung von Aufgaben unterstützt, sondern Arbeitsschritte automatisiert, Prioritäten vorschlägt und konkrete Lösungswege formuliert, an denen wir uns orientieren.  Damit kann generative KI die individuelle Produktivität steigern. Doch schafft die durch generative KI gewonnene Zeit wirklich neue Möglichkeiten für kreatives und strategisches Denken bei der Arbeit? Wie stark beeinflusst die Nutzung Generativer KI, wie wir uns bei der Arbeit fühlen?

Was wir unter generativer KI am Arbeitsplatz verstehen

Im Arbeitskontext bezeichnen wir generative KI-Systeme als Systeme, die eigenständig neue Inhalte erzeugen können – etwa Texte, Bilder, Präsentationen oder Code – und zunehmend auch als agentische Systeme, die auf Basis von Zielen selbstständig Arbeitsschritte planen, Informationen beschaffen und Teilaufgaben eigenständig ausführen. Im Alltag von Mitarbeitenden wird sie bereits vielfältig eingesetzt, beispielsweise beim Verfassen von E-Mails, beim Zusammenfassen umfangreicher Dokumente oder bei der Erstellung von Projekt- und Präsentationsvorlagen sowie bei der Vorbereitung und Strukturierung komplexerer Arbeitsprozesse. Dadurch wird Zeit frei, die zuvor für administrative Aufgaben benötigt wurde. Das eröffnet Chancen – nicht nur im Hinblick auf Effizienz, sondern auch für effektiveres und kreativeres Arbeiten.

Generative KI wirkt jedoch nicht automatisch positiv oder negativ. Entscheidend ist, wie sie im Arbeitsalltag eingesetzt wird. So kann das automatisierte Verfassen von E-Mails einerseits entlasten und Zeit sparen, andererseits aber auch das Gefühl entstehen lassen, weniger eigene Kontrolle über Formulierungen oder Entscheidungen zu haben. Die gleiche Anwendung kann somit sowohl als Unterstützung als auch als zusätzliche Herausforderung wahrgenommen werden.

Dimensionen digitalen Wohlbefindens

Aus wissenschaftlicher Sicht ist Wohlbefinden am Arbeitsplatz ein multidimensionales Konzept. In Anlehnung an die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) müssen als eine notwendige Bedingung für Wohlbefinden grundlegende psychologische Bedürfnisse im Arbeitskontext befriedigt werden. Dazu zählen insbesondere Autonomie (das Gefühl, selbstbestimmt handeln und Entscheidungen treffen zu können), Kompetenz (das Erleben, Aufgaben wirksam und erfolgreich zu bewältigen) sowie Verbundenheit (das Gefühl sozialer Zugehörigkeit und bedeutsamer Beziehungen zu anderen).

Werden diese Bedürfnisse erfüllt, geht dies mit höherer intrinsischer Motivation, größerer Arbeitszufriedenheit und einem höheren allgemeinen Wohlbefinden einher. Gleichzeitig sind sie eng verbunden mit dem Erleben sinnvoller Arbeit und einem geringeren Risiko für emotionale Erschöpfung und Burnout. Wohlbefinden bedeutet somit nicht nur die Abwesenheit von Stress, sondern umfasst positive Erfahrungen wie Selbstwirksamkeit, soziale Eingebundenheit und Sinnhaftigkeit in der Arbeit.

Gleichzeitig stellt der Umgang mit Technostress einen immer wichtiger werdenden Themenbereich für das Wohlbefinden dar. Es handelt sich dabei um Belastungen, die durch den Einsatz digitaler Technologien entstehen können, etwa durch ständige Erreichbarkeit, Informationsüberflutung oder erhöhte Leistungsanforderungen. Generative KI kann Arbeit erleichtern, gleichzeitig aber auch Druck erzeugen. Entscheidend für das Wohlbefinden ist daher, ob Mitarbeitende Strategien entwickeln, um mit technostressbezogenen Anforderungen konstruktiv umzugehen (vgl. Dragano & Lunau, 2020).

Ein weiterer zentraler Faktor betrifft die Autonomie von Mitarbeitenden, also die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wann und wie digitale Technologien eingesetzt werden. Studien zeigen, dass Wohlbefinden steigt, wenn Mitarbeitende selbst bestimmen können, wann und wie sie digitale Technologien einsetzen (vgl. Bordi et al., 2018). Ein zusätzlicher Faktor ist Kontrolle über digitale Arbeitsprozesse; fehlende Kontrolle kann Unsicherheit oder Überforderung fördern (vgl. Bordi et al., 2018).

Auch die Art und Weise der Nutzung digitaler Technologien spielt eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden: Digitale Technologien sollten idealerweise dazu beitragen, Arbeitsanforderungen besser zu erfüllen (vgl. Dhiman et al., 2023). Wenn digitale Technologien mit generativer KI jedoch zu einer Ausweitung von Arbeitszeiten oder einer ständigen Verfügbarkeit führt, kann dies die Work-Life-Balance negativ beeinträchtigen. Darüber hinaus sind soziale Beziehungen ein wichtiger Bestandteil digitalen Wohlbefindens. Austausch, Vertrauen und Zusammenarbeit bleiben zentrale Bausteine, wobei generative KI idealerweise  unterstützend eingesetzt werden sollte, ohne menschliche Interaktion zu ersetzen (vgl. Maria et al., 2022).

Eine weitere Dimension stellt der gesundheitsförderliche und langfristig tragfähiger Einsatz digitaler Technologien im Arbeitsalltag dar. Produktivitätsgewinne durch KI sollten nicht zu Dauerbelastung oder Erschöpfung führen, sondern Arbeitsweisen unterstützen, die auch auf längere Sicht mit Wohlbefinden vereinbar sind (vgl. Mikołajczyk, 2024). Schließlich beeinflussen auch Unternehmenspraktiken und Organisationskultur das Wohlbefinden: Klare Regeln, transparente Entscheidungsprozesse und ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Technologien können Orientierung und Vertrauen schaffen (vgl. Marsh et al., 2024).

Zwischen Entlastung und neuen Anforderungen

Neben den Chancen von Generativer KI können sich auch neue Anforderungen ergeben. Wenn generative KI vor allem mit höheren Erwartungen an Effizienzsteigerung verbunden wird, kann dies Druck erzeugen oder die Wahrnehmung eigener Leistung verändern. Ebenso kann generative KI-gestützte Kommunikation zwar effizienter, aber manchmal auch weniger persönlich sein. Diese Beispiele verdeutlichen, dass generative KI nicht nur Entlastung schafft, sondern den Arbeitsalltag verändert – und damit auch Fragen zu den Auswirkungen auf Wohlbefinden aufwirft, die im weiteren Verlauf näher betrachtet werden.

Diese Fragen sind nicht nur theoretischer Natur, sondern zeigen sich konkret im täglichen Arbeitsleben. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt MenschKI! an. Die Annahme einer multidimensionalen Perspektive auf Wohlbefinden spielt im Projekt MenschKI! eine zentrale Rolle. Aus empirischer Perspektive verwenden wir unterschiedliche Methoden:

  • Qualitative Interviews, die Mitarbeitenden ermöglichen, ihre subjektiven Erfahrungen mit generativen KI-Tools zu schildern, insbesondere in Bezug auf Selbstbestimmung (Autonomie), Erleben von Kompetenz und soziale Eingebundenheit (Verbundenheit);
  • Longitudinale Befragungen, mit denen wir Veränderungen im Erleben von Selbstwirksamkeit (Kompetenz), sozialer Integration (Verbundenheit) und Autonomie im Arbeitsprozess über die Zeit erfassen;
  • Digitale Fußabdrücke, wie E-Mail-Intensität oder Meeting-Dauer, als Hinweise auf technostressbezogene Belastungen und mögliche Beeinträchtigungen der Work-Life-Balance;
  • Psychometrische Skalen zur Erfassung von Burnout-Risiken (Stress/Ermüdung), Arbeitszufriedenheit (positives Wohlbefinden) und dem Gefühl menschlicher Wertschätzung, also der Wahrnehmung, dass KI als unterstützendes Werkzeug und nicht als Ersatz menschlicher Qualitäten eingesetzt wird.
  • Biosignale, wie Herzrate und Herzratenvariabilität, um physiologische Stressreaktionen und Erholungszustände zu messen und so ein komplementäres Bild des Wohlbefindens zu ergänzen. Die Erhebung und Auswertung solcher Biosignale wird im Rahmen des KD2Lab durchgeführt, das sich auf die Kombination von digitalen Technologien, Arbeitsgestaltung und menschlichem Wohlbefinden spezialisiert hat.

Diese vielfältigen empirische Methoden ermöglichen es uns, nicht nur zu erfassen, was geschieht, sondern auch zu verstehen, wie sich der Einsatz generativer KI auf das innere Erleben von Menschen auswirkt, und darauf aufbauend menschenzentrierte Gestaltungsansätze für generative KI zu entwickeln, die Wohlbefinden nicht nur erfassen, sondern aktiv stärken.

Wir betrachten Generative KI nicht nur als ein Selbstzweck, sondern als ein Werkzeug, dessen Wirkung maßgeblich durch seine Gestaltung bestimmt wird. Um diese Wirkung positiv zu beeinflussen, ist es entscheidend, den Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen und Wohlbefinden aktiv mitzudenken.

Begleiten Sie uns über die Webseite auf unserer Forschungsreise und bleiben Sie informiert über diese und ähnliche Arbeiten! In den kommenden Beiträgen werden wir unsere Forschung zugänglich aufbereiten und Inhalte teilen, die ein tieferes Verständnis von generativer KI und Wohlbefinden im Arbeitskontext fördern.

Referenzen

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.

Dragano, N., & Lunau, T. (2020). Technostress: Psychosocial Risks in the Digital Workplace. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 63, 347–356.

Bordi, L., Moschieri, M., & Pinto, R. (2018). Digital Autonomy and Employee Well-Being: Evidence from IT Work. Journal of Business Research, 88, 452–460.

Dhiman, S., et al. (2023). Generative AI in Organizations: Impacts on Productivity and Work Design. International Journal of Human-Computer Studies, 180, 103741.

Maria, R., et al. (2022). Social Interaction in Digital Workspaces: Maintaining Connectedness in AI-Supported Teams. Computers in Human Behavior, 129, 107147.

Mikołajczyk, T. (2024). Sustainable Use of AI Tools for Employee Well-Being. Frontiers in Psychology, 15, 123456.

Marsh, S., et al. (2024). Organizational Practices for Human-Centered AI Deployment. Journal of Organizational Behavior, 45(2), 198–215.